Porren! Porren!

Ludwig Fischer

Zu den geschichtlich interessantesten und landschaftlich reizvollsten Partien in Eiderstedt gehört zweifellos der sogenannte Porrendeich in Uelvesbüll. Es ist ein alter, streckenweise noch steiler Deich, der zwischen Sandkrug, südwestlich des Roten Haubargs, und der Deichüberfahrt (Stöpe) am Uelvesbüller Koog verläuft. Der größte Teil dieser Deichstrecke zieht sich mit vielen Kurven und Biegungen hin. Im mittleren Abschnitt, der am stärksten gewunden ist, liegen rechts und links der Straße, die auf dem alten Deichrücken dahinführt, vier größere, teichartige Gewässer. Es sind Wehlen, tiefe Wasserlöcher, die nach Deichbrüchen in früheren Jahrhunderten zurückgeblieben sind.

Unmittelbar an der schmalen Deichstraße reihen sich kleinere Häuser. Viele davon sind noch mit Reet gedeckt, einige haben auch ihre historische Gestalt behalten – ursprünglich bescheidene Katen, denen wir heute ein malerisches Bild abgewinnen. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren es zumeist Behausungen der armen Leute, der Landarbeiter und Tagelöhner, Fischer und kleinen Handwerker, Deich- und Vorlandarbeiter. Der Kieler Realschullehrer Theodor Möller, der für den Verein Baupflege Tondern Anfang des Jahrhunderts die Westküste bereiste und hunderte von fotografischen Aufnahmen anfertigte, hat auch die Katen am Porrendeich abgelichtet hat [Abb. l], und zwar das westlichste Stück, auf dem die Häuser dicht an dicht stehen. Möller schreibt in dem Band, den er 1912 über seine Fahrten in Schleswig-Holstein herausgab, zu diesem Bild: „Am Porrendeich liegen die Miniatur-Haubarge der kleinen Leute in größerer Zahl zusammen, wie auf einer Schnur aufgereiht. Das ausgefranste Dach hängt ihnen tief herab, die Tür hängt schief in den Angeln, und aus der Oeffnung quillt dir zweimal am Tag der Dunst von gebratenem Speck entgegen. Die Schrägung des Deiches, auf dem sie liegen, hat keine Spur von Graswuchs mehr aufzuweisen, es tummeln sich hier Kinder, Enten, Hühner und Ferkel bunt durcheinander. Jedes geht seiner Lieblingsbeschäftigung nach: die Enten gründeln am Wehl oder in den Pfützen, die Hühner gackern und scharren, die Ferkel wühlen im Schmutz, und die Kinder suchen es ihnen gleichzutun. Mit Vorliebe aber rutschen sie auf ihrem Hosenboden die Schrägung des Deiches hinab. Davon insonderheit mag der alte Deich so glatt geworden sein. Klein-Eiderstedt ist ein sehr malerischer Winkel, das muß man sagen; doch tut man gut daran, es wie ein modernes Gemälde aus einer gewissen respektvollen Entfernung zu betrachten."

So heiter hier der Städter mit seinem ästhetischen Blick das Milieu am Porrendeich beschreibt – er hält Abstand. Denn hätte er näher hingesehen, hätte die vermeintliche Idylle härtere Züge angenommen: Für jede Gans und jedes Schaf zum Beispiel, die sie am Deich grästen, mußten die Kätner jährlich ihre Pacht entrichten, oft an entfernte Besitzer der Grundstücke, zum Beispiel die Kirchengemeinde von Koldenbüttel. In den Häusern, die manchmal nicht mehr als eine kleine Küche und zwei winzige Stuben zum Wohnen aufwiesen, drängte sich in der Regel eine große Familie – einer der alten Bewohner hat mir vor Jahren erzählt, daß er acht Geschwister hatte, und seine Eltern nahmen noch zwei verwaiste Kinder dazu an. Dieser Landarbeiter berichtete auch von der Armut, die in vielen Katen herrschte. Im Winter, wenn es weniger zu verdienen gab, mußte man beim Höker für das Nötigste anschreiben lassen und konnte dann erst im Sommer bezahlen. Die Holzschuhe der Kinder bestanden oft aus den holzbesohlten, undicht gewordenen Stiefeln der Männer. Diesen Stiefeln, die unter anderem beim „Grabenkleien“ gebraucht wurden, schnitt man dann die ledernen Schäfte ab. Im Sommer liefen die Kinder ohnehin barfuß, bei jedem Wetter. Und der alte Landarbeiter gab mir auch eine Erklärung dafür, weshalb der steile Deich mit den vielen Katen 'Porrendeich' heißt: Bis in den November hinein fischten die Leute Krabben in den Prielen, das Handnetz, die „Gliep“, vor sich her schiebend; das kalte Wasser reichte bis über den Gürtel. Die gekochten Krabben suchte man dann an die Bauern und Dorfbewohner zu verkaufen, um eine kleine Mehreinnahme zu erzielen. Die Frauen und Kinder, die für den Verkauf zuständig waren, liefen dann nicht selten in ihren Holzschuhen von Uelvesbüll bis nach Koldenbüttel, um ein paar Tassen voll Krabben loszuwerden.

Solche harten Zeiten sind auch am Porrendeich vorbei. Die für manche ärmeren Anwohner geradezu erlösende Entwicklung, die erst in den fünfziger und sechziger Jahren sich allgemein durchsetzte – zum Beispiel mit dem Wasser- und Stromanschluß für alle Gebäude –, die allgemeine Modernisierung hatte freilich ihren Preis, zum Beispiel bei der historischen Bausubstanz gerade der Katen und ländlichen Kleinbauten: Viele wurden bis zur Unkenntlichkeit umgebaut oder ganz und gar ersetzt. So bietet heute der Porrendeich, den Theodor Möller auf die Platte brachte, ein uneinheitliches, wenig idyllisches, ein gemischtes Bild: Von den alten Reetdachhäusern haben nur wenige ihre geschichtliche Erscheinung behalten. Sie stehen zwischen radikal modernisierten Altbauten und neuen Einfamilienhäusern [Abb.2]. Dennoch haben einige Abschnitte des Porrendeichs ihren anheimelnden Charakter, ihren großen landschaftlichen Reiz bewahrt. Das gilt vor allem für die mittlere Partie an den drei westlichen Wehlen. Die schilfumstandenen Gewässer, die reetgedeckten Katen und kleinen Höfe, die Baumgruppen und der alte Deich bilden dort ein einzigartiges Ensemble [Abb. 3].

Auch die Geschichte hat an diesem Mittelteil des Porrendeichs am kräftigsten ihre Spuren gesetzt. Deichverlauf und Wehlen sind die landschaftsprägende Schrift, mit der unzählige, unbekannte Menschen der vergangenen Jahrhunderte das Dokument ihrer harten Arbeit, ihrer Auseinandersetzung mit der Nordsee hinterließen.

Die Katen und kleinen Hofstellen am oder auf dem Deich weisen immer noch auf die „kleinen Leute“ und ihre mehr als bescheidenen Lebensbedingungen in früherer Zeit hin. Und der Kontrast zu den Reicheren, zu den Großbauern gehört auch dazu: Drei Haubarge standen am Porrendeich. Einer davon, südwestlich der Großen Wehle, steht noch heute, weiß geschlämmt, dicht am Deich hinter Bäumen. Die beiden anderen waren im nördlich angrenzenden Herzog-Adolphs-Koog errichtet worden. Der östliche ist als Haubarg-Rest heute kaum noch zu erkennen, der westliche, beherrschend am nördlichsten Punkt des Porrendeichs auf einer großen Warft gelegen, brannte vor vierJahren ab. Es war der „Leutnantshof", einer der imposantesten Höfe in Eiderstedt und unter Baupflege-Gesichtspunkten einer der bedeutsamsten [Abb.4].

Das markante Gegenüber von exponiertem Haubarg und an den Deich gerückten Katen gehört leider ganz der Vergangenheit an. Dieses Gegenüber hatte auch einen wichtigen landschafts- und siedlungsgeschichtlichen Aussagewert. Denn der große Haubarg, der frei inmitten der weiten Flächen des Herzog-Adolphs- Koogs lag, versinnbildlichte den entscheidenden Umschwung, den die Eindeichung dieses Kooges für den Porrendeich bedeutete: Auf Befehl des Schleswiger Herzogs wurde 1575-79 die tiefe Bucht, die zwischen Uelvesbüll und dem nördlich gelegenen Lundenberg noch bestand, durch einen Deich geschlossen. Die Arbeiten gestalteten sich außerordentlich schwierig und langwierig. In dem gewonnenen Koog, über dessen Fläche der Herzog zu erheblichem Teil verfügte, standen nur drei große Höfe. Der später so genannten Leutnantshof bzw. sein Vorgängerbau war einer dieser Hofe, die mit viel Land ausgestattet waren.

Und erst nachdem der Adolphs-Koog eingedeicht war, konnten auf dem Porrendeich auch die Katen und Häuser errichtet werden. Denn bis dahin war dieser Deich ein hoch gefährdeter Außendeich. Koop gibt an, daß er vermutlich mit der Sicherung der Uelvesbüller 'Mark um 1250 errichtet worden ist. Um diese Zeit gehörten jedoch noch weite Flächen nördlich und westlich des Uelvesbüller Deichs zu diesem Kirchspiel, das fast an das südliche Alt-Nordstrand heranreichte. Und der breite Meeresstrorn zwischen Uelvesbüll und Lundenberg war auch noch nicht durchgebrochen. Die dramatischen Veränderungen des östlichen Eiderstedt geschahen erst im 14.]ahrhundert, vor allem durch die 'Große Manndränkelse' von 1362. Das Kirchspiel Uelvesbüll verlor weiteTeile seiner Flächen im Norden und Westen, und der riesig verbreiterte Meeresstrom der Hever brach nördlich der Kirche nach Osten und Süden bis nach Koldenbüttel durch. Es entstand ein tiefer, stark strömender Hever-Arm, der Verbindung zur Treene und Eider beim späteren Friedrichstadt hatte und deshalb auch „Nordereider“ genannt wurde. Er trennte Eiderstedr vom Festland und konnte nur langsam, in jahrundertelanger Arbeit, Stück für Stück abgedämmt werden. Eben mit dem Adolphs-Koog wurde diese Rückgewinnung verlorenen Landes zunächst abgeschlossen.

Allerdings gingen dann nördlich mit Lundenberg und dem alten Simonsberg später riesige Flächen gänzlich verloren, vor allem mit der katastrophalen Flut von 1634. Auch südlich der Uelvesbüller Kirche und mitten im Adolphs-Koog entstanden damals tiefe Einbrüche, die große Flächen überschwemmten und nur schwer zu schließen waren. Die 'Späthinge' am Außendeich des Adolphs-Koogs, ausgedehnte Wasser- und Sumpfflächen, sind Überreste jener schweren Einbrüche. Heute bilden sie eine landschaftlich besonders schöne Partie und stellen ein wichtiges Vogelbrutgebiet dar, das unter Naturschutz steht.

Zwischen etwa 1362 und 1579 war also der Porrendeich ein Außendeich an dem durchgebrochenen Hever-Arm [Abb.5l. Er hatte große Flächen auch noch der Kirchspiele Witzwort und Oldenswort zu schützen. Durch die exponierte Lage von Uelvesbüll, das einen „Vorsprung“ der Landfläche nach Nordwesten bildete, war dieser Deich stark gefährdet. So erscheint es nur folgerichtig, daß er mehrfach große Brüche erlitt. ln der schweren Sturmflut von 1532 zerstörte die See den Deich und riß ein tiefes Loch, von dern vermutlich die westliche, die (Große Wehle` übriggeblieben ist. Die Wehle konnte nicht aufgefüllt werden, sondern der erneuerte Deich mußte nördlich um sie herumgeführt werden. In einer Flut von 1561 brach der Norderdeich von Uelvesbüll, also der spätere Porrendeich, zu großen Teilen ein, und drei weitere Wehlen entstanden. Zwei von ihnen mußten nach Norden, eine nach Süden umdeicht werden. So erhielt der Deich seinen gewundenen Verlauf. Als er 1579 mit der Schließung des Adolphs-Koogs zu einem Mitteldeich geworden war, dürften noch nicht gleich die ersten Siedler ihre Häuser darauf errichtet haben. Aber für die Familien, die nicht über Land und Vermögen verfügten und sich also das Aufwerfen einer Warft nicht leisten konnten, bestand die einzige Möglichkeit, sich Schutz vor Überflutungen zu verschaffen, seit jeher darin, daß sie ihre Kate auf einem alten, zum Binnendeich gewordenen Seedeich errichteten.

Nach den verheerenden Fluten von 1717 und 1721 mußte der Uelvesbüller Norderdeich, wie andere Mitteldeiche südlich der aufgegebenen Lundenbergharde, verstärkt und ausgebaut werden. Erst nachdem damit relativ sichere Deichlinien hergestellt worden waren, dürften die Katen am und auf dem Porrendeich entstanden sein. Es würde sich gewiß lohnen, durch Deichschnitte, Grabungen und bauarchäologische Untersuchungen mehr Licht in die Siedlungsgeschichte des Porrendeichs zu bringen.

Die westlichste Ecke des Porrendeichs stieß bis 1935 an den Außendeich, und zwar am Verbindungspunkt des Seedeichs vom Adolphs-Koog mit dem Uelvesbüller Norderdeich. Erst mit der Eindeichung des Uelvesbüller Koogs 1934-35 erhielten die Katen am Porrendeich einen sozusagen doppelten Schutz. Wie gefährlich ihre Lage immer noch war, erwies sich bei der großen Sturmflut von 1962, als der Deich des Uelvesbüller Koogs brach und das Seewasser wieder bis an den westlichen Eckpunkt des Porrendeichs reichte. Über die Jahrhunderte ist der Porrendeich auch eine wichtige Verkehrsverbindung im Norden Uelvesbülls gewesen. Die Straße, die auf seiner Krone bzw. an seiner Böschung entlangführt, war natürlich früher ein „Kleiweg“. Aber auch ein „Stockenstieg“, ein schmaler, mit Klinkern gepflasterter Fußweg, führte streckenweise über den Porrendeich. Dieser Kirchen- und Schulsteig lief direkt an den Mauern der Katen entlang [Abb.6].

Die großen Wehlen, Zeugnisse fürchterlicher, verlustreicher Meereseinbrüche, haben im Verlauf der Jahrhunderte dann auch Segen für die Anwohner gebracht, und nicht nur für sie. Das Salzwasser, das sie zunächst gefüllt hatte, wurde ziemlich schnell zu Brack- und schließlich Süßwasser, und damit konnte sich in den Wehlen ein reicher Fischbestand entwickeln. Die Anwohner haben bis in die Nachkriegszeit hinein von Fisch aus den Wehlen gelebt – Aalen, Barschen, Hechten, Schleien.

Die Wehlen dienten aber auch als Süßwasserreservoir für Mensch und Tier. Man schöpfte aus ihnen das Brauchwasser, bis der Anschluß an die Fernwasserleitung diese Nutzung überflüssig machte. Da die Wehlen sehr tief sind – der Volksmund sagt, in der Großen Wehle könne man keinen Grund finden – trocknen sie auch in sehr heißen Sommern nicht aus. In dem extrem trockenen Sommer von 1929, als dieTränkkuhlen auf den Fennen versiegten und viele Bauern nicht wußten, wie sie ihr Vieh versorgen sollten, kamen Pferdefuhrwerke sogar von Westerhever bis zu den Wehlen am Porrendeich gefahren, um Wasser zu holen – eine Tagesreise bedeutete das damals.

Es verwundert nicht, daß die malerische Partie des Porrendeichs an den Wehlen immer wieder den ästhetischen Blick vor allem von Auswärtigen anzog. Theodor Möller war nicht der erste; der Eiderstedter Fotograf Ernst Payns hat manches Bild vom Porrendeich hinterlassen, und der Husumer Maler Albert Johannsen hat sogar seinen zweiten Wohnsitz in einer der Katen gehabt und die Katen, Höfe, Wehlen mehrfach zum Motiv seiner Bilder gemacht.

Aber nicht nur seines landschaftlichen Reizes wegen ist der Porrendeich einer sorgsamen Erhaltung, Pflege und Erforschung wert. Die Bauten, so weit sie noch Geschichtliches bewahrt haben, verdienen eine genauere Untersuchung ebenso wie die weniger auffälligen Spuren der Vergangenheit, die Steige, Stege, Warften und der Deich selbst. Hinzukommen müßten die archivalischen Erkundungen und auch das Festhalten mündlicher Überlieferung. Es gibt wenige Stellen in Nordfriesland, wo die besondere Geschichte der Küstenlandschaft so offen zu Tage liegt wie am Porrendeich.

• S. dazu Hans Günther Andresen: Baupflege und Heimatschutz
in Nordfriesland. Husum 1979 (Schriften des Kreisarchivs)
Nordfriesland 3). bes. S. 23ff.
• Theodor Möller: Das Gesicht der Heimat. Kiel 1915 S. 122
• Dazu auch Helmut Hess: Chronik von Uelvesbüll. Uelvesbüll 1985. S.177ff.
• Vgl. Rudolph Koop: Eiderstedter Heimatbuch. 1. Teil: Besiedlung und Bedeichung. Garding 1936. S.104f:
• OttoFischer: Das Wassenwesen an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste: Teil Ill: Das Festland. Band 3: Eiderstedt. Berlin 1956. S.96fF.
• Dazu Rolf Kuschert: Der Rote Haubarg. Husum 1990 (Schriften des Kreisarchivs Nordfriesland 13). S.25f
• Koop. Besiedlung [wie Anm.4]. S.105f.
• Fischer, Wasserwesen [wie Anm.4], S.54ff,66ff,92ff, 122ff, 177ff
Ehd. S.167ff
Ebd.,S.89f.
Ebd.,S.9l; Hess, Chronik [wie Anm.3]. S.22f.
Fischer, Wasserwesen [wie Anm. 4], S. 193ff.
• Dazu Hess, Chronik [wie Anm.3]. S.245ff.
Vgl. (Erich Wohlenberg): Albert Johannsen. Flensburg 1970.


Quelle IGB-Archiv, Der Maueranker 04/1990

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